Wildes Schlachtgetümmel, Lärm, Schwerterklirren – nein, das sind keine Dreharbeiten zu einem historischen Blockbuster. Wir befinden uns in einer Reenactment-Schlacht im polnischen Wolin, bei der sich ca. 600 engagierte Hobbykämpfer mit Leidenschaft (und nur zum Spaß) bekämpfen und der Gütersloher Christopher Kunz ist mittendrin. Der Geschäftsführer einer IT-Firma begibt sich nämlich regelmäßig auf Zeitreise und geht dann im wahrsten Wortsinn offline.

Drei- bis viermal im Jahr streift sich der Gütersloher die Rüstung eines Wikingers aus dem 10. Jahrhundert über. Diese ist den historischen Originalen so weit wie möglich authentisch nachgebildet, denn Christopher beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Archäologie und Geschichte des nordischen Volkes und hat sich ein profundes Wissen angeeignet. Zum sog. Reenactment kam er über den Schwertkampf. Beim Studium in Hannover nahm er regelmäßig am Training teil, bis er feststellte, dass er sein Hobby ohne die entsprechende Ausrüstung nicht mehr ausüben konnte. Auf Mittelalter-Märkten legte er sich eine erste Ausrüstung zu und reiste zu diversen Kämpfen in Norddeutschland. Hier fand er soviel Spaß an den Reenactment-Schlachten, dass er dabei blieb.

Die Schwerter, Äxte und anderen Waffen, die bei diesen Kämpfen benutzt werden, sind zwar stumpf, aber vor der Wucht des Aufpralls muss der Körper geschützt werden. Unter der historischen Rüstung (die stählerne Rüstung wiegt übrigens so um die 12 Kilo) befindet sich daher sehr moderne Schutzkleidung. Die Hände sind durch Handschuhe mit Stahleinlagen geschützt. Trotzdem geht so ein Kampf nicht immer ohne Blessuren ab. Diese seien vergleichbar mit Verletzungen beim Fußball. Wirklich bleibende Schäden gebe es nicht, dazu tragen auch der faire Umgang miteinander und das Regelwerk der Schlachten bei. Seine schwerste Verletzung war ein gebrochenes Schlüsselbein, die er einem Treffer mit einer Dänenaxt, einem handtellergroßen Axtblatt mit mannshohem Stiel, verdankt. Bei der Versorgung der Verletzung wurde allerdings nicht nur seine Schulter, sondern auch seine damals schulterlangen Haare eingegipst. Kurzentschlossen wurden die Wikingermähne gekürzt und dabei blieb es.

 

 

 

Für die Schlachten gibt es ein festes Regelwerk, denn niemand soll ernsthaft zu Schaden kommen. Wer zweimal getroffen oder umgelaufen wurde, bleibt liegen und so geht es weiter, bis alle Kämpfer bis auf den Sieger am Boden sind. Eine Schlacht dauert zwischen fünf und 20 Minuten. Danach steht der Sieger fest und das Feld wird für die nächste Performance geräumt. Für die Kämpfe müsse man konditionell schon gut aufgestellt sein. Weil die Zeit für regelmäßige Trainings fehlt, müssen die alltägliche Bewegung und jahrelange Erfahrung genügen, um die Kämpfe zu bestehen. Außerdem habe er gar keinen sportlichen Ehrgeiz, für ihn steht der Spaß am Kämpfen im Vordergrund.

Doch es geht nicht nur um die Schlachten und das Kämpfen. Das zeigt sich schon, als wir das liebevoll restaurierte Fachwerkhaus betreten, in dem Christopher mit seiner Familie lebt. Er zeigt uns umfangreiche archäologische Bücher über die Fundstellen in Birka, die ihm als Quellen für die Beschäftigung mit dem täglichen Leben der Wikinger dienen. Reich verzierte Metallfibeln, eine kleine Waage, sein Schwert mit passender Scheide oder auch der Schild sind nach historischen Vorbildern entstanden. Besonders beeindruckt sind wir davon, dass Christopher den Großteil der Dinge selbst gemacht hat. Die Holzkiste mit Metallbeschlägen entstand zusammen mit einem befreundeten Tischler. Und auch seine Kleidung, u.a. einen Wollmantel mit Seidenbesätzen, hat er selbst genäht. Er meint lachend, dass sich seine ehemalige Handarbeitslehrerin heute sicher über sein Talent wundern würde.

Seine Partnerin unterstützt das Hobby ihres Mannes und begleitet ihn auch gerne auf Wikingermärkte. Seine beiden Söhne sind ebenfalls Fans und der Fünfjährige würde am liebsten zu jedem Kampf mitfahren. Neben dem Spaß an den Kämpfen ist das Hobby aber auch ein willkommener Ausgleich zu seinem sehr technisierten Leben als IT-Fachmann. Das Handy nimmt er zwar immer mit, aber es bleibt die meiste Zeit offline. Und an bestimmten Orten, wie dem historischen Haithabu, wird der Ausflug in die Vergangenheit dann tatsächlich zur Zeitreise.